Rezension: Internetprojekte von <start> bis </ende>
Gelesen bei AboutWebDesign.de
URL: http://www.aboutwebdesign.de/awd/content/1038432627.shtml
"Internetprojekte von <start> bis </ende>" ist eigentlich gar kein Buch. Zumindest nicht im herkömmlichen Sinne: das Werk besteht aus vier Teilen, die jeweils 100 bis 150 Seiten lang sind. Jeder dieser einzelnen Abschnitte wurde von einem anderen Webwork-Profi geschrieben, der darin von seinen Erfahrungen aus dem Alltag berichtet.
Vier Teile
Konzeption
Da wäre zunächst einmal Martin Post: der Konzepter versorgt den Leser mit wertvollen Tipps rund um das Management und die Konzeption von Web-Projekten. Stichworte: Briefing, Usability, Navigation, Mitarbeitermotivation Dabei blickt er über den Tellerrand: so wird z.B. erklärt, welchen Anforderungen ein ergonomischer Arbeitsplatz zu genügen hat und wie man am besten mit Kollegen/dem Kunden kommuniziert. Posts Schreibstil ist kurzweilig, das Lesen macht geradezu Spaß.
Rich Media
Es folgen Informationen zum Thema "Rich Media", geschrieben von Matthias Jung. Dieser Teil des Buches ist wie eine Art Tutorial aufgebaut, frei nach dem Motto "Wie produziere ich mein erstes Video fürs Internet?". Ein an sich nicht uninteressantes Thema, gerade, wenn man damit noch keine Erfahrungen gesammelt hat. Aber meint "Rich Media" nicht eigentlich wesentlich mehr als die Video-Produktion?
Design
Der Designer und Konzepter Harald Taglinger ist der Autor des sich daran anschließenden Teils über Design. Leider sind viele Formulierungen schwammig geraten und müssen zweimal gelesen werden, um den Zusammenhang zu verstehen. Zur Konkretisierung seiner Ideen hat der Autor ein Fallbeispiel gewählt, an dem er die verschiedenen Schritte von der Idee zum Design durchspielt. Dabei handelt es sich um eine Plattform, die Gespräche zwischen international bekannten Autoren im Web inszenieren will. Vielleicht wäre es besser gewesen, hier eine etwas gebräuchlichere Projektform zu wählen. So jedenfalls lassen sich allerhöchstens Arbeitstechniken und Vorgehensweisen, nie aber konkrete Schlussfolgerungen auf eigene Projekte übertragen. Zudem wäre es nett, wenn man sich das Ergebnis der Arbeiten wenigstens vernünftig ansehen könnte: die Screenshots im Buch sind oft nicht vernünftig zu erkennen, und im Web ist das Projekt noch nicht online. Nichtsdestotrotz ist auch dieser Teil des Buches lesenswert: die Kreativitätstechniken, die Strukturdiagramme und nicht zuletzt der Vorschlag, zum Arbeiten einfach mal in eine andere Stadt zu fahren, sind recht interessant.
Organisation, Kommunikation
Den Abschluss macht Wolfgang Wiese (Betreiber von XWolf.com) mit seinen Ausführungen zum Projekt-Management. Dass es hier einige Überschneidungen mit den Inhalten des ersten Teils gibt, stört überhaupt nicht. Auch Wieses Schreibstil ist angenehm zu lesen, die Themen sind gut gewählt: Was ist ein Pflichtenheft? Was muss dabei beachtet werden? Welche Software verwende ich als Bug-Datenbank?
Zwischenfragen
Am Ende jedes Teils haben die drei anderen Autoren Gelegenheit, sich mit den Thesen und Vorstellungen ihres Kollegen kritisch auseinanderzusetzen. Konkret sieht das so aus, dass eine Art Chat zwischen den Autoren abgedruckt ist.
Vorkenntnisse
Der potenzielle Leser sollte jedoch schon einige Vorkenntnisse mitbringen. HTML wird hier nicht erklärt: das Buch wendet sich nicht an Web-Einsteiger, sondern an Personen, die schon im Web-Bereich tätig sind und sich weiterbilden wollen.
Fazit
Insgesamt betrachtet ist das Buch sicher lesens- und kaufenswert, zumindest, wenn man die richtigen Erwartungen mitbringt. Den Autoren ging es offensichtlich nicht darum, eine Art technische und fachliche Referenz zu schreiben, wie es sie schon zu Dutzenden im Handel gibt. Größeres Augenmerk wird darauf gerichtet, den Lesern die Struktur und Organisation von Projekten nahezubringen und dabei auch ganz besonders die praktischen Aspekte mit einzubeziehen. Das ist gut gelungen.
So z.B. Martin Post: die Beschreibung eines Projekt-Ablaufes als solchem mit diversen menschlichen und technischen Fallstricken ist hier wichtiger als eine detaillierte Erklärung, wie ein Usability-Test funktioniert.
Damit hier kein Missverständnis entsteht: auch in Bezug auf rein formale Vorgänge wie eben Usability-Tests ist das Buch nicht schlecht, wobei die Teile von Post und Wiese den meisten Lesern wohl nützlicher erscheinen werden als die anderen beiden. Das "Schauen über den Tellerrand" jedoch macht das Buch zu etwas Besonderem: wo findet man z.B. sonst eine Auseinandersetzung mit der Frage "Wie verdiene ich als Webworker genug Geld und halte gleichzeitig eine vernünftige Balance zwischen Beruf und Privatleben?".
Daten
"Internetprojekte von <start> bis </ende>", 1. Auflage 2002
Autoren: Martin Post, Harald Taglinger, Matthias Jung, Wolfgang Wiese
Verlag: Addison Wesley Verlag / Pearson Education Deutschland GmbH, München
ISBN: 3-8273-1940-4
Website (des Verlages): http://www.addison-wesley.de